Eine Kreuzberger Videothek wehrt sch gegen den Verfall der Filmkultur in Deutschland. Zu diesem Zweck geben die Betreiber mittlerweile sogar Seminare in Schulen und Universitäten.

 

Wie einst Gallien bestand Deutschland zu Beginn dieses Jahrtausends aus einer Ansammlung vieler kleiner “Stämme”, welche die unterschiedlichen Bereiche der Wirtschaft unter sich aufgeteilt hatten. Freilich gab es damals auch schon Fürsten, die große Gebiete unter ihrer Herrschaft hatten, aber ganz Gallien bzw. Deutschland zu erobern, das hatte bisher noch niemand geschafft. Im Jahre 2019 ist die Lage schon eine ganz andere. Die deutsche Wirtschaft ist zwar noch nicht vollständig von den “Römern” erorbert, aber wenn man diesen Gedanken konsequent weiterdenkt, wird es wahrscheinlich nur noch wenige Jahrzehnte dauern. Mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass Julius Cesar in diesem Szenario Mark Zuckerberg (Facebook-Gründer) oder Jeff Bezos (Amazon CEO) heißt.

Ein Beispiel an dem man dieses Dystopie-Szenario gut erkennen kann, ist das zunehmende Videothekensterben in Deutschland. Während es 2010 noch 2795 Videotheken in Deutschland gab, waren es im Jahre 2017 gerade noch  601, Tendenz weiter sinkend. (siehe Grafik).

Infografik: Stirb langsam – Immer weniger Videotheken in Deutschland | Statista
https://de.statista.com/infografik/10812/anzahl-der-videotheken-in-deutschland/

Am Interesse an audio-visuellem Storytelling kann es nicht liegen, im Gegenteil, jenes scheint ausgeprägter denn je. Liegt es daran, dass sich die Menschen zunehmend an die Bequemlichkeiten der schönen neuen Welt gewöhnt haben und mit dem schier unendlichen Content in ihrer handlichen Mattscheibe, für die sie nicht einmal das Haus verlassen müssen zufrieden sind? Gut möglich, aber es gibt glücklicherweise noch Romantiker, die an den Werten der alten Kultur festhalten und sich mit allen möglichen Mitteln dagegen stemmen, dass die römischen Truppen noch nicht das gesamte Land erobern.

Eines dieser Dörfer, in dem der Zaubertrank noch über der offenen Feuerstelle und nicht im Thermomix gekocht wird, ist der Videodrom in der Friesenstraße in Berlin.

 

Der Eingangsbereich des Videodroms

Während die großen Streamingdienste oftmals nur über eine sehr begrenzte Auswahl an Klassikern verfügen und in den letzten Jahren zunehmend zielgruppenaffine Eigenproduktionen an den Start bringen, glänzt der Videodrom mit einem breitgefächerten Angebot, das so gut wie alle Genres und Ländergrenzen mit einbezieht. Des weiteren gibt es Ordner, in welchen die Gesamtwerke der großen Regisseure der Filmgeschichte zusammengefasst stehen. Seit 1989 wird die Videothek vom aktuellen Besitzer geführt und schon von Beginn an hat man sich auf außergewöhnliche Filmkulturerzeugnisse wie die in Deutschland damals ungewöhnlichen Orginalvertonungen oder unzensierte Schnittversionen konzentriert. 10 Jahre nach Eröffnung drohte auch schon einmal die Zwangsschließung der Behörden, die aufgrund des ungewöhnlichen Angebots den Treffpunkt aller möglichen Gauner und anderen Verrückten vermuteten. Der alte Slogan “widerliche Filme für widerliche Leute” half dabei sicherlich nicht. Glücklicherweise könnte die Gefahr mithilfe tatkräftiger Unterstützung verhindert werden. Weitere 10 Jahre später sieht es wieder einmal nicht so besonders rosig für Videothek aus. Geschichte wiederholt sich bekanntlich.

” Wir befinden uns im Jahr 2018 nach Christus. Ganz Deutschland ist von Filmkonsumenten besetzt, die sich auf Streamingportalen Filme und Serien ansehen, die ihnen mittels Nutzerprofilberechnung vorgesetzt werden und damit das wirkliche Entdecken und Auseinandersetzen mit filmischer Kultur verhindern. Ganz Deutschland? Nein, in Kreuzberg gibt es eine unbeugsame Videothek, die sich den Erhalt filmischen Kulturguts auf die Fahnen geschrieben hat und mittels kompetenter Beratung und überdimensionaler Auswahl das Mekka jedes Berliner Filmfans ist. “

Diesen Kommentar bei (ironischerweise) Google Maps hat ein gewisser Andre W. verfasst.

Christine Pursch in ihrem Reich

Er fasst eigentlich ziemlich gut zusammen, was Christine Pursch, Videothekarin im Videodrom als die Leitlinie der Videothek für ihre Arbeit gegen den Verfall der Filmkultur sagt.

 

Geschichte wiederholt sich und die Legionen greifen erneut an mit dem Ziel einfach alles zu beherrschen. Dieses Mal steht allerdings deutlich mehr auf dem Spiel, als das ein paar Aquädukte und schöne römische Stadttore in Trier. Gläsern sind in diesem Fall nicht die Fenster der Thermen, sondern der Mensch. In stasiähnlichen Zuständen mit dem Unterschied, dass er sich dieses Mal völlig bewusst ist, dass jegliche privaten Daten gespeichert und sogar weitergegeben werden. Aktuell herrscht Unmut über die personalisierte Werbung, aber da hören die Proteste auch schon auf. Es fehlt die Weitsicht, was für Folgen diese unheilvolle Verflechtung von Kommerz- und Geheimdienstinteressen haben könnte.

Die Videotheken oder im Generellem die Filme sind hierbei nicht das Hauptschlachtfeld, aber es geht dem Videodrom nicht nur um den Erhalt ihres eigenen Ladens oder wirtschaftliche Erfolge. Vielmehr statuieren sie ein Exempel, dass es noch Widerstand gegen die Silicon Valley-Römer gibt, die selber auf diesem Schlachtfeld einiges investieren. Von den großen GAFA (Google, Amazon, Facebook und Apple) haben bisher Amazon und bald Apple einen eigenen Streamingdienst, Facebook hat mit fb.gg im letzten Jahr einen Gaming- Lifestream Seite herausgebracht. Christine Pursch hat in ihrem Interview erwähnt, dass es den Streamimg-Seiten prinzipiell egal ist, was du guckst. Es geht ihnen lediglich darum, dass du möglichst viel Zeit bei ihnen verbringst und sie mithilfe deiner Sehgewohnheiten ihren internen Algorhithmus einspeisen können. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass dir anhand deiner Sehgewohnheiten das Fragment der Seite angezeigt wird, die zu dir passt. Diese Bubble ist also aber auch nur zufällig aus den Sachen, die du dir vorher angeguckt hast, also werden auch nur die Serien oder Filme fortgesetzt, die zufällig den Meisten angezeigt wurden. Von einem großen kulturellen Querschnitt des Films als Medien kann dabei keine Rede sein. Es ist den Konsumenten schlichtweg nicht mehr möglich sich ein eigenes Bild der Vielfalt zu machen, sondern übertrieben gesprochen schreibt ihnen der Algorhithmus vor, was sie zu gucken haben und was nicht. Und obwohl das Medium Film in der heutigen Zeit so allgegenwärtig ist, gibt es keinerlei Leitfaden oder Filmunterricht in Schulen etc. Anders als für Musik, Kunst und  Literatur, die weiterhin im Deutschunterricht eine immens wichtige Rolle für die Allgemeinbildung spielen, obwohl der Zahn der Zeit an ihnen nagt.

Wenn wir dann also in ein paar Jahren in der komplettüberwachten Digital-Dystopie leben, dann sollte wenigstens die Auseinandersetzung mit Kulturgütern nicht algorhithmusgesteuert sein, weil ansonsten keinerlei kritisches Hinterfragen der Kunst als Projektionsfläche für die Gesellschaft möglich ist.