Nachdem in Metropolen wie Barcelona und Amsterdam der Autoverkehr zusehends aus dem Stadtbild schwindet, steht nun auch das Projekt „Begegnungszone Bergmannstraße“ in Berlin an einem entscheidenden Wendepunkt. Die sehnsüchtigen Stimmen nach einer autofreien Zone in Kreuzbergs Szene-Kiez sind kaum zu überhören. Die Konzepte und Vorschläge einiger Bürger*Inneninitiativen sollen nun auch die letzten Kritiker*Innen von der Idee einer Fußgängerzone überzeugen.

Während Kinder mit Straßenkreide den tristen Asphalt in eine kunterbunte Spielwiese verwandeln, laden die vielen Stadtmöbel entlang des ursprünglich stark befahrenen Fahrstreifens die Besucher*Innen der Bergmannstraße zum Verweilen ein. Mussten sich Fahrradfahrer*Innen früher noch ihren Weg zwischen parkenden Blechkisten und Schlaglöchern bahnen, so werden die Pedalritter*Innen heute von einer beinahe geräuschlosen Verkehrskulisse ohne Hindernisparkour begrüßt. Und wo sich früher LKW, Touristen-Bus und Kleintransporter lautstark hupend um die Vorfahrt stritten, schenken heute Blumenkästen, Hochbeete und Brunnenanlagen dem Kiez seine ursprüngliche Aufenthaltsqualität zurück.

So sieht die Utopie einer Fußgängerzone in der Bergmannstraße aus. Von dieser fast schon paradiesisch klingenden Vorstellung sind Berliner Kieze womöglich gar nicht mehr so weit entfernt, meinte zumindest Lara Stjepanovic, Mitglied der Initiative „Autofreier Wrangelkiez“. 

Als sie vor ca. 2 Jahren in regelmäßig stattfindenden Anwohner*Innentreffen an den ersten Ideen zur Verkehrsberuhigung im urbanen Gebiet feilte, dachte sie nicht einmal im Traum daran, welche Wellen derartige Projekte schlagen können: „In den letzten Jahren sind viele Bürgerinitiativen entstanden mit visionären Modellen, die den Autoverkehr aus der Innenstadt drängen wollen, aber trotzdem allen Teilnehmern gerecht werden.“ Die Möglichkeiten zur Nutzung des neu gewonnenen Raums in einer Fußgängerzone sind schier unendlich, so Frau Stjepanovic: „Den Ideen sind hierbei kaum Grenzen gesetzt. Ich empfehle mit den Anwohnern ins Gespräch zu treten und mit Workshops die Bedürfnisse der Menschen herauszufinden. Vom Planschbecken bis hin zur Minigolfbahn, mobilen Fahrradwerkstätten und Tiny-Houses ist fast alles möglich. Öffentliche Straßenfläche ist Aufenthaltsraum und der muss Lebensqualität haben, damit ich von meiner Wohnung nicht flüchten muss, sondern diese Fläche auch nutzen kann und dafür muss es auch Sitzgelegenheiten und Begrünung geben.“

Auch Anlieger*Innen der Bergmannstraße sind einer Fußgängerzone gegenüber positiv gesinnt. So müsste man autofreie Verkehrsbereiche etablieren, in denen auch das Be- und Entladen möglich ist. Deutschlands Pionierstandorte wie beispielsweise die Stadt Freiburg sollen als Vorbild für Berliner Kieze dienen, forderte eine Anwohnerin: „Ich kenne das aus Freiburg, während meiner Studienzeit gab es anfangs einen enormen Widerstand (gegen die Fußgängerzone) und inzwischen sind alle glücklich und zufrieden, sogar die Gewerbetreibenden.“

Bild 1: Konviktstraße in Freiburg, Copyright: Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH & Co. KG, FWTM/ Schoenen und Bild 2: Blick zum Martinstor, Copyright: Freiburg Wirtschaft Touristik und Messe GmbH & Co. KG, FWTM/ Schoenen

Käthe Bauer vom Stadtteilausschuss Kreuzberg e. V. sieht es als oberste Priorität an, dass ein ganzheitliches Verkehrskonzept entwickelt wird, welches alle Verkehrsströme im Kiez berücksichtigt und in die Planung miteinbezieht. „Wenn man bedenkt, dass die Bergmannstraße mit ihren zahlreichen Besuchern eine sehr belebte Einkaufsstraße in Berlin ist, trägt sie definitiv das Potential in sich, aus ihr eine Fußgängerzone zu machen. Dabei muss man sowohl den Verkehrsdruck als auch die Bedürfnisse der Anlieger und Gewerbetreibenden mitdenken!“, appellierte die Mitarbeiterin des Vereins in einem Interview.

Die Parklets werden ihren wahren Mehrwert noch entfalten 

Als Teil des Pilotprojekts „Begegnungszone Bergmannstrasse“ wurden Ende 2018 auf der Bergmannstraße Parklets montiert, um Parkzonen in Erholungsraum zu verwandeln. Aufgrund von Lautstärke-Beschwerden in den Nachtstunden, seitens einiger Anwohner*Innen, geriet das Projekt schnell ins Wanken und die Forderungen zur vorzeitigen Beendigung der Testphase wurden immer lauter. Mithilfe von Kiezläufer*Innen als Kontrollorgan, Absperrungen ab 22 Uhr und Hinweisschildern soll einer nicht ordnungsgemäßen Nutzung entgegen gewirkt werden. Frau Stjepanovic ist der Ansicht, dass Menschen in Deutschland den sorgsamen Umgang mit Parklets erst lernen müssen. Städte wie Wien und Vancouver zeigen, dass Parklets sehr wohl erfolgversprechend sind und bei den Benutzer*Innen auf großen Zuspruch stoßen. Erst dann kann das Stadtmobiliar seinen wahren Mehrwert entfalten, wenn die Nachbarschaft sich dort sonntags zu Kaffee und Kuchen trifft, Hobbygärtner*Innen ihren grünen Daumen zum Besten geben können oder Besucher*Innen einen Rückzugsort im Großstadtdschungel suchen.

Eines der vielen Parklets in Vancouver, hier in der Robson Street, Bildquelle: flickr/ Paul Krueger

Die Gewerbetreibenden fürchten Umsatzeinbußen und Rückgang von Kund*Innen

Während Anwohner*Innen und Besucher*Innen eine Fußgängerzone im Kiez sehr wohl begrüßen würden, blicken Ladenbetreiber*Innen vor allem dem Wegfall von Parkmöglichkeiten für Kund*Innen und erschwerte Lieferbedingungen mit großer Skepsis entgegen. Konzepte wie Lastenräder, Parkmöglichkeiten an den Kiez-Enden und ausgewiesene Lieferzeiten sollen den Sorgen des Handels Rechnung tragen.

Herr Michael Becker, Geschäftsführer von HERRLICH Männergeschenke, würde die Umwandlung der Bergmannstraße in eine Fußgängerzone nicht erfreuen: „Fußgängerzonen funktionieren in touristisch attraktiven Kleinstädten mit enger Bebauung, nicht aber in Berlin.“ Die wirtschaftlichen Konsequenzen würden vor allem die Existenz der Kleinbetriebe bedrohen, da Kunde*Innen, wenn es keine Parkmöglichkeiten mehr gibt, auf andere Einkaufsstraßen oder Malls ausweichen könnten. 

Eine Ladenbesitzerin an der Bergmannstraße sprach sich ebenfalls gegen eine Fußgängerzone aus, würde sich jedoch wünschen, dass sich ein Konzept durchsetzt, das genug Platz für alle Verkehrsteilnehmer*Innen beinhaltet, damit Fußgänger*Innen Freude am Einkaufen haben, aber auch Autofahrer*Innen die Straße passieren können und Parkmöglichkeiten vorfinden.

Die Kiez-Verkehrswende muss gemeinsam gestaltet werden

Für die Umwandlung des beliebten Berliner Kiezes in eine Fußgängerzone müssen viele gelernte und bewährte Muster über den Haufen geworfen werden und neue Konzepte, beispielsweise für die Anlieferung von Lebensmitteln an Nahversorger, entwickelt werden. Auch gilt es, Alternativmöglichkeiten für Menschen, die auf das Auto angewiesen sind, zu bedenken. Der Rückbau von herkömmlichen Straßen und Parkflächen in qualitativ hochwertige Aufenthaltsräume erfordert neben einer städteplanerischen Vision auch den Willen der Politik die notwendigen finanziellen Mittel dafür bereitstellen zu wollen. Frau Stjepanovic empfahl, um ein Kiez-Verkehrskonzept zu entwickeln, müsse man mit den Menschen in Diskurs treten, alle Meinungen anhören, Ängsten mit konkreten Vorschlägen entgegentreten und am Ende die gesammelten Ideen und Konzepte in eine für den Kiez verträgliche Form gießen. Nur so kann aus der Utopie einer funktionierenden Fußgängerzone in der Bergmannstraße vielleicht eines Tages Realität werden.

Kreuzung an der Bergmannstraße mit grünen Punkten zur Entschleunigung des Verkehrs, den „Begegnungspollern“ (liebevoll auch als Pippi-Langstrumpf-Poller bezeichnet), um das Parken in der Kurve zu unterbinden und im Hintergrund eines von insgesamt 18 Parklets an der Bergmannstraße.

Interviews geführt zwischen 7-14. Mai 2019