Das Geld ist da, der Wille auch, nur an der Umsetzung scheint es noch zu haken. Bis 2020 sollen alle U-Bahnhöfe in Berlin mit Aufzügen ausgestattet sein. Ein Ziel, was nicht erreicht wird.

Die Vorgaben sind klar: gesetzlich vorgeschrieben ist eine vollständige Barrierefreiheit der U-Bahnhöfe bis zum Jahr 2022. Die Einigung zwischen der BVG und dem Senat, die Aufzüge bereits 2020 fertigzustellen, wird wohl nicht erreicht werden. Mehrere U-Bahnhöfe befinden sich zurzeit im Umbau und die Bauarbeiten gehen zum Teil nur schleppend voran. Bis jetzt sind 119 der 173 U-Bahnhöfe in Berlin mit einem Fahrstuhl ausgestattet. Bis zum kompletten Umbau fehlen also noch über 50 Bahnhöfe. Für Menschen, die täglich auf Aufzüge angewiesen sind, ist das ein Problem.

Auch Christian Grothaus vom Berliner Behindertenverband kennt diese Missstände. Er sitzt selber seit seiner Geburt im Rollstuhl und ist auf die Aufzüge angewiesen. Um sich als Person im Rollstuhl in dem öffentlichen Nahverkehr in Berlin zurechtzufinden und um zu wissen, an welchen Stationen er als Rollstuhlfahrer aussteigen kann, gibt es Seiten im Internet, die über kaputte oder fehlende Aufzüge Auskunft geben. “Bei mir kommt erleichternd hinzu, dass ich aufstehen kann. Ich muss dann immer Leute fragen, ob sie mir den Rollstuhl mit hochtragen und mir eine Hand leihen beim Treppenlaufen. […] Wenn ich jetzt im E-Rolli sitzen würde, würde ich mich glaube ich viel mehr darüber aufregen, dass ich mal wieder eine Station weiter fahren muss, um überhaupt zu meinem Ziel zu kommen”, so Christian Grothaus.

Christine Albrecht, Beauftragte für Senioren und Fahrgäste mit Behinderungen bei der BVG, ist über die Fortschritte, was den Ausbau zur Barrierefreiheit angeht, zufrieden. Auch wenn bereits klar ist, dass sieben Aufzüge erst nach 2022 fertiggestellt werden, da hier Sperrungen nötig seien. Laut Albrecht sind vor allem die Brandschutzbestimmungen und die Statik die Hauptgründe für die Verzögerungen. Finanzielle Mittel ständen hierbei zwar genug zur Verfügung, nur sei es zum Teil sehr schwierig, die alten Bahnhöfe nachzurüsten. Schuld daran sei auch die städtischen Umgebung, in der es nicht immer möglich sei, genügend Platz für einen Aufzug zu finden. Aus diesen Gründen sollen viele Bahnhöfe außerdem nur mit einem und nicht mit mehreren Fahrstühlen ausgestattet werden.

U-Bahnhof Tempelhof: Einen Aufzug gibt es hier noch nicht

Häufig benutzt, heißt häufig kaputt

Auch an bereits ausgebauten U-Bahnhöfen kommt es immer wieder zu Problemen an den Aufzügen. Zum Zeitpunkt unserer Recherche gab es laut der BVG-Hotline an 13 Stationen defekte Aufzüge. Auch Christian Grothaus sieht bei der Instandhaltung der Fahrstühle noch Nachholbedarf: “Ich habe beim Tiergarten gearbeitet, da war ich auch auf einen Fahrstuhl angewiesen und der war über drei bis vier Monate kaputt […] Das geht natürlich nicht!” Laut Christiane Albrecht sind die Aufzüge harten Bedingungen ausgesetzt, das sei der Grund für die Störungen. Wie sie erklärt, bringen viele Leute Dreck mit in die Aufzüge, welche den Verschleiß vorantreiben sollen. Vor allem der Split von den Straßen gerät in die Mechanik und sorgt für Probleme. Außerdem seien die Fahrstühle den Witterungsbedingungen ausgesetzt, so dass es häufiger zu Störungen oder Ausfällen kommt, so Frau Albrecht weiter.
Ihr nach werden die Aufzüge zudem rechtzeitig repariert. Ein technisches System sei dafür verantwortlich, Störungen automatisch zu melden und innerhalb von zwei Stunden solle die Beseitigung des Fehlers eingeleitet werden. Dafür sei dann die Firma zuständig, die den jeweiligen Aufzug betreibt. Doch durch die unterschiedlichen Aufzug-Modelle sei es nicht immer leicht, schnell genug an Ersatzteile zu gelangen. Dadurch kann es dann zu Verzögerungen kommen. Trotzdem sei die Verfügbarkeit der Aufzüge im grünen Bereich. Die vom Senat festgelegte Verfügbarkeit von 95%, werde ihren Angaben nach sogar übertroffen.

“Es fehlt an Sensibilitätstraining”

Die Busse in Berlin sind bereits seit 2009 barrierefrei. Auch wenn viele Haltestellen für Rollstuhlfahrer*innen noch nicht ausreichend ausgebaut seien, stört sich Christian Grothaus vor allem an dem Verhalten einiger Busfahrer*innen. Dort “fehlt es noch an Sensibilitätstraining”, so Grothaus. “Manchmal lassen die einen auch stehen, das kommt häufiger vor, als man denkt.” Doch er zeigt auch Verständnis für die andere Seite: “wir dürfen nicht vergessen, wir reden immer noch über den Faktor Mensch. Und wenn der schlecht gelaunt ist an einem Tag, dann passiert sowas.”

Christine Albrecht nennt diese Vorkommnisse bedauerlich. Das Problem sei laut Albrecht hauptsächlich auf die hohe Belastung der Busfahrer*innen zurückzuführen. Durch den Verkehr und die hohe Verantwortung, sei es nicht immer leicht, die Bedürfnisse aller Fahrgäste im Blick zu behalten. Auch Kommunikationsprobleme seinen oft der Grund für diese Vorfälle. Man wisse oft nicht, so die BVG Mitarbeiterin, ob die Menschen an der Bushaltestelle auch mit dem Bus fahren wollen. Man müsse sich klarer erkennbar machen.

In den berliner Bussen gibt es Multifunktionsplätze, welche für Rollstuhlfahere*innen oder Personen mit Kinderwagen angelegt werden. Busfahrer*innen sind befugt, auch mehrere Personen in Rollstühlen mitzunehmen, nur trägt der/die Busführende/r in diesem Fall auch die juristische Verantwortung. Laut Christine Albrecht könne das unter anderem zu Fehleinschätzungen führen und der Multifunktionsplatz wird weniger ausgelastet, als eigentlich möglich. Es muss zusätzlich – so frau Albrecht weiter – geklärt werden, ob der/die Rollstuhlnutzer*in mit der eingeschränkten Platzsituation einverstanden ist.

Um die Busfahrer*innen der BVG für das Thema Barrierefreiheit zu sensibilisieren, gibt es sogenannte “Mobilitätstrainings”. Dort üben die Mitarbeiter*innen, wie sie Menschen im Rollstuhl helfen. Teil des Trainings sei auch, selbst in einem Rollstuhl in einen Bus gefahren zu werden, sowie blind in einen Bus einzusteigen, um sich in die hilfebedürftigen Personen einzufühlen, erklärt uns Christine Albrecht.

Die BVG hat also, was Barrierefreiheit angeht, schon viele Weichen gestellt. Auch wenn die Nachrüstungen hier und da nur schleppend vorangehen, freut sich Christian Grothaus auch über den Fortschritt, den er über die letzten zehn Jahre in Berlin mitverfolgen konnte. Doch am Ziel ist die BVG noch lange nicht.