Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich um den monumentalen Nazi-Prachtbau in Berlins Mitte. Im mittlerweile stillgelegten Tempelhofer Flughafen soll noch Nazi-Gold zu finden sein, ein mit Kupfer abgedichtetes Labyrinth der amerikanischen Security Squad (später NSA), das Bernstein Zimmer und noch vieles mehr. Einige Kultgeschichten werde ich hier für euch widerlegen können, andere könnten durchaus wahr sein. Denn noch immer ist das 300.000 qm große Gebäude nicht vollkommen erforscht.

Fest steht: Das Tempelhofer Feld war schon vor Bau des Flughafens, ein Ort für Flugverrückte, später dann für Größenwahnsinnige. Schon 1899 flogen dort die ersten Lenkdrachen, Flugversuche wurden gemacht. 1909 konnte man mit Sonnenschirm und Monokel den Flug eines Zeppelins bestaunen und einen exklusiven Demonstrationsflug von Orville Wright. Nur Wenige wissen, dass es schon zwei Flughäfen vor dem Bau des jetzigen Flughafens gab.

Was dann allerdings 1935 von Hitler in Auftrag gegeben wurde, sollte nichts Geringeres werden als der “schönste und größte Flughafen der Welt” (Zitat Hitler). Mal von der Schönheit abgesehen – über die lässt´s sich streiten-,  stellte es alles bis dahin dagewesene in den Schatten. Verantwortlich für die Architektur des Protzbau´s war nicht Albert Speer, sondern ein anderer brauner Zeitgenosse, Ernst Sagebeil, Haus- und Hof Architekt von niemand geringerem als Herrmann Göring. Ihm gelang es in nur 3 1/2 Jahren das bis dahin größte Gebäude der Welt zu errichten (nach 2 Jahren in Größe abgelöst vom Pentagon. Mist.).

3 1/2 Jahre bedeuteten in diesem Fall den absolut menschenunwürdigen Einsatz von mehr als 5000 europäischen Zwangsarbeitern, die in einem 4 Schicht-Betrieb, jeweils 12 Stunden schuften mussten. Nur Dank dieser aufopfernden Akkordarbeit starteten 1923 die ersten Flugzeuge nach Österreich, Königsberg, München, in die Schweiz und in den Balkan. Tempelhof war nun aber nicht nur der größte Flughafen, sondern auch das größte Bomber-Endmontagewerk weltweit.  Weshalb ich Allen, die eine gerechtfertigte oder auch ungerechtfertigte Faszination für Hitler haben, gleich mal vom Panzer schupsen muss, denn der Führer hat nie auch nur einen Fuß in das Gebäude mit Muschelkalk-Fußboden gesetzt. Der Mann mit dem steifen Arm war sich nach eigenen Angaben nämlich zu schade Rüstungsstätten aufzusuchen und Sagebeils Modernistische Architektur war auch nicht nach seinem Geschmack.

Entertainment an den Bunkerwänden, à la Wilhelm Busch

Der Flughafen Tempelhof war nicht nur zur Zeit der Blockade ein Symbol für Hilfe und Hoffnung, sondern beherbergte während des 2. Weltkrieges die Kinder Berlins in 300 eigens dafür errichteten Luftschutzbunkern. Als die Rote Armee 1945 durch die Tore Berlins marschierte und sich auf den Straßen das reinste Weltuntergang-Szenario abspielte, suchten jetzt auch Geflüchtete, Ausgebombte und Deserteure die undurchdringlichen Stahlbeton-Katakomben der Bunker auf. Diese Funktion des Gebäudes als rettende Zufluchtsstätte erklärt einen Teil der positiven Assoziation mit dem wuchtigen Nazi-Flughafen.

die Kassettendecke im ehemaligen Foyer, früher weiß, nach den Russen – schwarz

Besonders interessant ist die Tatsache, dass der Flughafen den zweiten Weltkrieg, bis auf wenige Pyromanische Ausraster der Roten Arme, nahezu perfekt erhalten überstand. Es gibt keine stichfesten Beweise, warum der Flughafen nie Ziel eines Luftangriffes wurde. Vermutet wird, dass die Amerikaner schon Jahre vor Ende des Krieges, den Flughafen als ihren strategischen Punkt in Berlin erhalten wollten.

 

Nun folgte war der Einzug der GI´s in perfekt erhaltene Hangars und weitläufige Hallen mit 18 m hohen Muschelkalksäulen. Die amerikanische Ära folgte auf die der Nazis.

Was die fast absurden Gegensätze in der Nutzung des Flughafens noch einmal hervorhebt, ist der Umbau des eichengetäfelten Ballsaals über dem Terminal. Eigentlich war der mal gedacht für reindeutsche Zusammenkünfte, am besten unter dem wohlwollenden Blick eines gestutzten Schnurrbarts. Die Amerikaner jedenfalls bestellten sich beim Anblick von “Hitler´s Ballsaal” mehrere hundert Holzplanken, extra aus Kanada eingeflogen. Diese wurden verlegt, eine Gummibeschichtung kam drüber und fertig war der neue Basketball-Court für die Berlin-Braves, Team der US-Airforce. Außerdem gab es einen Party-Room mit Bowlingbahn und Discokugel, Squash-Plätze, Saunas und Andere Möglichkeiten nicht an den kalten Krieg zu denken.

Kontrollmonitor der Sauna auf dem Flughafendach

Nicht zu vergessen ist -man kann es wirklich so sagen- der heldenhafte Einfall von Gail Halvorsen, während der Berlin-Blockade. Als Stalin die Schlinge um die ohnehin schon sehr mageren Hälse der Westberliner zuzog, schaffte er es, lächelnde Gesichter in eine komplett zerstörte Stadt zurückzubringen. Der Airforce Pilot aus Utah warf seine eigens entwickelten  Minifallschirm-Pakete aus den Fenstern der Flugzeuge, die später nur noch unter dem Namen Rosinenbomber bekannt waren. Ein Akt, der die langanhaltende Deutsch-Amerikanische Freundschaft begründete.

Das alte Labyrinth des amerikanischen Geheimdienstes, ganz im The Shining Stil ist übrigens kein Mythos. Es befindet sich im Dritten Stockwerk des Flughafens und selbst die Guides der Stiftung Tempelhof dringen nie zu tief in die verworrenen Gänge vor. Dort ist durch die komplett mit Kupfer ausgekleideten Wände und Fußböden kein Handy Empfang möglich. Somit sollte jeder, der sich dort verirrt, mindestens zwei Tüten Brotkrumen mit sich führen. Was zu Zeiten des Kalten Krieges, zwecks Anti-Abhörmaßnahmen, noch vollkommen Sinn gemacht hat, ist jetzt einfach nur verdammt gefährlich.

Emblem der Security Squad, kurz vorm Eingang des Labyrinths

Von der Mühsal der Zwangsarbeiter, den Zuflucht-Suchenden in den Bunkern und den Amerikanern, die aus Nazi-Ballsaälen Basketballplätze machten, war es ein langer Weg. So verwandelte sich ein nationalsozialistisches Symbol über einen militärischen Stützpunkt der Alliierten letztendlich in ein Versprechen auf Hoffnung und Freiheit. Mit dem, was ich euch hier berichtet habe, kratze ich buchstäblich nur an der Spitze des Eisbergs. Von vermutlich gefluteten Kellergeschossen, geheimen NS-Filmarchiven und unterirdischen Shoppingmalls lest ihr im nächsten Part dieser Blogreihe.