Das Konzept der Begegnungszone in der Bergmannstraße ist seit fünf Jahren in Gange. Anwohner*innen und Initiativen haben die Wunschvorstellung, dass der Bergmannkiez sich sogar zur Fußgängerzone entwickeln könnte. Doch wie realistisch ist dieser Wunsch?

„Uns erreichte bis jetzt überwiegend negatives Feedback zu den Maßnahmen während der Testphase“, sagte Käthe Bauer (Mitarbeiterin des Stadtteilausschuss Kreuzberg e. V.). Als Folge dessen wird überlegt, wie sich das Konzept sinnvoller umsetzen lässt.

Im Zuge mehrerer Aktionen zur Umgestaltung der Bergmannstraße stechen drei besonders hervor: Die rot-weißen Poller, die grünen Punkte und die Parklets. Sie sollen zu einer Verkehrsberuhigung beitragen und die Begegnungszone prägen. Allerdings gab es sehr viele negative Rückmeldungen zu den neuen Installationen. Die grünen Punkte beispielsweise finden Anwohnende entweder komplett unnötig oder überflüssig. Es gebe keine Grundlage in der Straßenverkehrsordnung für diese Maßnahme, so einige Anwohner*innen. Auch Herr Becker äußert sich sehr kritisch zu den jüngsten Maßnahmen. Die Parklets führen zu einer „Infantilisierung des Stadtraums“ und sind nachts eine Anlaufstelle für Lärmbelästigung. Laut Hans-Peter Hubert (Initiative „Leiser Bergmannkiez“) gab es bereits einige Beschwerden wegen nächtlicher, lautstarker Aktivitäten auf den Parklets. Daher wurden zeitweise sogenannte Kiezläufer*innen eingesetzt, um für eine rücksichtsvollere Nutzung zu sorgen. Einige Anwohner*innen fordern sogar das Zurückbauen der Maßnahmen.

Seit vielen Jahren engagieren sich Anwohner*innen und Initiativen für eine Verkehrsberuhigung in Berliner Kiezen. So zum Beispiel auch der Verein Autofrei, der sich vor allem im Wrangelkiez mit einer autofreien Lösung beschäftigt. Die Initiative möchte in sogenannten Kiezgesprächen mit Anwohnenden sprechen und Lösungen finden. Es gibt die Forderung nach einer Fußgängerzone mit bestimmten Lieferzeiten und Lieferzonen für den Lieferverkehr. „Die meisten verweigern es noch, sich damit auseinanderzusetzen“, sagt L. Stjepanović vom Verein Autofrei über Gewerbetreibende und deren Reaktionen auf eine mögliche Fußgängerzone. Doch woher kommt der Gegenwind?

Sie befürchten einen starken Rückgang der Kundschaft, da diese in einer Fußgängerzone nicht mehr parken könnte. Michael Becker, Inhaber von Herrlich Männergeschenke in der Bergmannstraße, beklagt vor allem die fehlende Verkehrsmoral und das fehlende Durchgreifen der Ordnungshüter während der Testphase. Die „fehlende Einhaltung der Straßenverkehrsordnung“, so Becker verursache Probleme für den Lieferverkehr und berge Gefahren für die Verkehrsteilnehmer*innen. So wurden zum Beispiel Parkverbote missachtet und Lieferzonen vor Gewerben zugeparkt, sodass eine Belieferung der Geschäfte nicht möglich gewesen sei.

 „Wie sagt man dazu?“

Ein weiterer entscheidender Punkt, der gegen die Fußgängerzone spricht, ist die sehr schlechte oder kaum vorhandene Kommunikation zwischen den verschiedenen Beteiligten. „Wie sagt man dazu?“, war die Antwort einer Anwohnerin, als sie zum ersten Mal das Wort Parklet hörte. Des Weiteren wissen viele Anwohnende nicht zu welchem Zweck die Maßnahmen getätigt wurden und was deren Funktion ist.

Außerdem spricht neben dieser fehlenden Kommunikation, die Vielzahl von Agierenden mit verschiedenen Interessen gegen eine erfolgreiche Erweiterung des Konzeptes Begegnungszone. So wurde beispielsweise von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) verkündet, dass die Testphase bereits Ende Juli 2019 beendet werde anstatt erst im Herbst. Der Senat hat sich daraufhin eingeschaltet und festgelegt, dass es kein vorzeitiges Ende der Testphase geben werde. Als Resultat von Uneinigkeit und mangelnder Kommunikation sorgt demzufolge auch die Berichterstattung in der Öffentlichkeit für Unbehagen und Verwirrung um den aktuellen Status quo der Begegnungszone.

Angst vor Maaßenstraße 2.0

Neben der Kritik befürworteten einige Anwohner*innen den erneuten Umbau der Begegnungszone. Vor allem die Parklets sollen „am liebsten wieder abgebaut werden“, so eine Anwohnerin. Ähnliches zeigte sich beim Projekt „Begegnungszone Maaßenstraße“, welches als Vorbild für den Bergmannkiez galt. Dieses Projekt gilt mittlerweile als gescheitert und es folgen nun diverse Umbauten. Die Anwohnenden und Gewerbetreibenden in der Bergmannstraße befürchten, dass ihnen Gleiches widerfahren könnte. Vor allem die zum Teil identischen Maßnahmen, die bereits in der Maaßenstraße gescheitert sind, verwundern die Bewohner*innen der Bergmannstraße laut Michael Becker. Aufgrund dessen ist die Frage naheliegend: Wieso wurde auf die Probleme in der Maaßenstraße nicht angemessen beziehungsweise entscheidend reagiert?

Ein ergebnisoffener Prozess mit Happy End?

Wie wahrscheinlich ist jetzt das Entstehen einer Fußgängerzone nach Beendigung der Testphase? Hoffnung macht trotz aller negativen Rückmeldungen die Tatsache, dass es sich um einen ergebnisoffenen Prozess handelt. Somit gibt es noch keine endgültige Entscheidung für oder gegen eine Fußgängerzone. Die Mitarbeiterin des Stadtteilausschusses fühle sich nach Einführung der grünen Punkte sicherer beim Überqueren der Straße. Blickt man allerdings auf die Begegnungszone in der Maaßenstraße, die weiter umgebaut wird, wirft das einige Fragen auf. Inwiefern kann aufgrund der vergleichbaren Entwicklungen in beiden Projekten überhaupt ein anderes Ergebnis im Bergmannkiez erwartet werden?

Bevor es zu weiteren Entwicklungen kommen kann, müssen erst einmal die aktuellen Probleme begriffen und behandelt werden. So ist die laut Michael Becker „fehlende Verkehrsmoral“ und die damit einhergehende Nichteinhaltung der Straßenverkehrsordnung ein großes Problem. Diverse Belieferungszonen werden aktuell von Privatfahrzeugen zugeparkt und verhindern dadurch das reibungslose Be- und Entladen. „Uns fehlen in dieser Testphase die verkehrsregulierenden Elemente“, sagt Hans-Peter Hubert. „Die aktuellen Maßnahmen regeln nur den ruhenden Verkehr, was im Grunde nicht schlecht ist, aber nicht entscheidend für eine Verkehrsberuhigung ist“, so Hubert weiter.

Michael Becker zufolge ist eine klare Kommunikation entscheidend für das Vorantreiben der Entscheidungsfindung. Durch eine gute Kommunikation vonseiten des Bezirksamts und des Senats hätte die Verwirrung um einige Maßnahmen und deren Funktion, wie zum Beispiel die grünen Punkte, verhindert werden können.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Lärmbelästigung, die mit den Parklets einhergeht. Findet dort kein Rückgang an Beschwerden statt, kann das ebenfalls zu einem entscheidenden Argument gegen eine Fußgängerzone werden. Wann und inwiefern die Bergmannstraße weiter verändert und umstrukturiert wird, wird sich am Ende der Testphase zeigen.