Ein empörter Aufschrei geht am 18. Dezember 2018 durch Verlage, Redaktionen, Journalistenschulen. Claas Relotius, Reporter beim Gesellschaftsressort des Spiegels, verfälschte, kopierte und log jahrelang systematisch – und äußerst erfolgreich, in den von ihm verfassten Reportagen. Der Spiegel zieht nun sein Fazit. Am 25. Mai erschien der Abschlussbericht. Was wir daraus lernen können und wie wir Journalismus in nächster Zeit besser angehen, erfahrt ihr hier.

“Wir haben dem Qualitätsjournalismus in Deutschland mit dem Fall Relotius einen gewaltigen Imageschaden zugefügt, das ist uns bewusst. Deshalb werden wir unsere Lehren daraus ziehen.”

(Hass, Thomas; Klusmann, Steffen: Hier ist der Abschlussbericht der Aufklärungskommission zum Fall Relotius. In eigener Sache, in: Spiegel (2019) Nr. 22

In 16 Seiten mit  expliziten Ausführungen, Beispielen und Entschuldigungen wird hier “einer der schwersten Fälle publizistischer Fälschung in der Nachkriegsgeschichte” aufgeklärt. Zusammengefasst wurde die größte Angst eines ernsthaften Journalisten, nämlich dreiste Lügen, Fake News in den eigenen Reihen, bittere Realität. Wieso man erst nach 5 Jahren und 60 von Relotius veröffentlichten Texten entdeckte, dass sein zweiter Vorname wohl Münchhausen sein muss, wird jedem nach der 16-seitigen Lektüre klar. Man kann dem Spiegel nicht nachsagen, er hätte schnell genug reagiert, doch in jedem Fall setzte die Zeitschrift sich im großen Ausmaß intensiv damit auseinander.

Das sogenannte  “Problem”, dass Reportagen in Ihrem Genre viel Platz für “szenische Rekonstruktionen” lassen, also Erlebtes mit Berichtetem verweben, ist eigentlich gar kein Problem. Es wird nur dann zu Letzterem, wenn der Autor sich dieser Möglichkeit in Relotius-Manier bedient. Was einmal die Möglichkeit war, das Geschehene für den Leser greifbarer und nah zu beschreiben, wird hier zum Lügenkonstrukt.

Der eigentliche Auslöser dieses Falls ist eine Qualitätskontrolle nach falschen Maßstäben. Wenn ich also genervt mit den Augen rolle, weil meine Dozentin für meinen nächsten Bericht ein ausführliches Rechercheprotokoll verlangt, sollte eigentlich der “Applaus – Sound” kommen, den man aus jeder schlechten Sitcom kennt. Denn wie auch der Spiegel etwas spät, aber richtig feststellt: “ein Text ohne Quellenangabe ist kein Journalismus”. Also Claas, obwohl du nach 40 Journalismuspreisen wahrscheinlich selbst gedacht hast, das Lovechild von Hunter S. Thompson und Julian Assange zu sein,  kam die Karma-Klatsche zwar spät, aber dafür umso härter.

Der hässlichen Hybris des Relotius schaute zuerst Juan Moreno ins Gesicht, Redakteur im Spiegel und sein ehemaliger Kollege. Moreno wurde als erstem Whistleblower des Spiegels selbst ein zerstörerisches Ego zugeschrieben. Absolut glaubhafte Indizien und monatelange Recherchen wurden mit Sätzen beantwortet wie: “Du weißt schon, was du da gerade tust? Du versuchst das Leben eines jungen, talentierten Kollegen zu zerstören.”

Trotzdem behielt Moreno Recht und machte Claas zum journalistischem Outlaw, zum Ginger – Loki des Spiegel.

Was wir aus dem ganzen Schlamassel lernen…?

“Guter Journalismus muss im konstruktiven Sinn verunsichern.”

Fehrle, Brigitte; Högens, Clemens; Weigel, Stefan: Der Fall Relotius. Abschlussbericht der Aufklärungskommission, in: Spiegel (2010) Nr. 22, S. 139

Was bezwecken märchenhafte Dramaturgien und Protagonisten, die wie von Coppola gecastet wirken, aber im Widerspruch zu den eigentlich Ereignissen stehen? Die wahrheitsgetreue Wiedergabe der Realität in aller Schönheit, Brutalität und Willkür, macht einen Text nicht holprig, sondern interessant. Journalisten sollten sich nicht zum Lügen verpflichtet fühlen, um den nächsten Preis abzuräumen. Der eigentliche Preis sollte darin bestehen, eine wichtige Voraussetzung für unsere funktionierende Demokratie darzustellen.

Menschen suchen im digitalen Zeitalter nach Orientierung. Die Fülle an ungefilterten Informationen, führt in der Mediennutzung zur Desinformation. Es ist als nicht unsere journalistische Aufgabe, besonders unterhaltsame Geschichten zu erzählen, sondern zu informieren, Zusammenhänge aufzuzeigen, Hintergründe und Entwicklungen verständlich zu machen und das möglichst transparent!

Denn die Transparenz gibt unseren Lesern die Möglichkeit zu reagieren, wenn nötig zu kritisieren, und nach guter Recherche zu vertrauen.

Nur so kann Journalismus funktionieren.

 

Hier noch ein paar Links für euch, falls ihr mehr über den Fall Relotius wissen wollt:

Statement des Spiegels + Link zum Abschlussbericht  (PDF)

Welche Texte gefälscht sind, welche nicht – Claas Relotius

Juan Moreno erhält  Auszeichnung für die Entdeckung des Betrügers